Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 2017-04 - 07.04.2017
Rückblick

Arm trotz Arbeit? – Eine Bestandsaufnahme und mögliche Lösungen für den Kreis Viersen

Mit der Veranstaltung "Arm trotz Arbeit? – Eine Bestandsaufnahme und mögliche Lösungen für den Kreis Viersen" machte der DGB-Kreisverband Viersen eine Herzensangelegenheit zum Thema des Abends. Ein volles Haus im Hotel-Restaurant „Zur eisernen Hand“ spiegelte das Interesse für dieses Thema wieder.

Auf die Frage an den Vorsitzenden Thomas Högel, warum gerade dieses Thema gewählt wurde antwortete er, dass die erste Aktion des neugegründeten DGB-Kreisverbands Viersen vor gut zwei Jahren, am Kempener Bahnhof, die Einführung des Mindestlohnes zum Thema hatte. Die Reaktionen und Gespräche dazu hatten alle Teilnehmer/-innen des Kreisverbandes Viersen so berührt, dass die Tatsache, dass viele Menschen von ihrer Arbeit alleine nicht leben können und welche Auswirkungen das hat, sie antrieb dieses Thema immer wieder zu platzieren. Als Teilnehmer bei der Viersener Armutskonferenz und im Gespräch mit dem Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz Niedersachsen reifte dann die Idee zu dieser Veranstaltung. 

Katarina Esser, Dezernentin für Soziales, Gesundheit und Arbeit im Kreis Viersen stellte in ihrem Vortrag „Arbeitslos, alleinerziehend, kinderreich – Hauptrisikogruppen im Kreis Viersen“ die aktuelle Situation anhand des letzten Kreissozialberichts (Stand Nov. 2016) sehr detailliert vor. Demnach sind im Kreis Viersen fast 21.000 Menschen arm oder armutsgefährdet und die Kinderarmutsquote im Kreis Viersen liegt bei erschreckenden 13,7%. Aber es gibt auch Grund zu einer vorsichtigen Hoffnung: Bei den Personen, die ihren Arbeitslohn durch Sozialleistungen aufstocken müssen zeichnet sich langsam eine Bodenbildung ab, die mit der Einführung des Mindestlohns zusammenhängen könnte.

Franz-Josef-Schmitz, Geschäftsführer des Jobcenters des Kreises Viersen, veranschaulichte in seiner Präsentation „Perspektive finanzielle Unabhängigkeit – Wege aus dem Sozialleistungsbezug“ die Arbeit des Jobcenters, insbesondere die Arbeit und speziell entwickelten Lösungsansätze im Projekt für langzeitige Bezieher von Sozialleistungen. Bei den Langzeitarbeitslosen gibt es verschiedene Herausforderungen, die erst bewältigt werden müssen, damit eine Vermittlung in den Arbeitsmarkt langfristig erfolgreich sein kann. So geht es z.B. um mangelnde Schulbildung, fehlende Berufsausbildung, geringe oder veraltete Qualifikationen und persönliche Hemmnisse, die aus Krankheit, Sucht, fehlender Mobilität, Alter, fehlender flexibler Kinderbetreuung oder auch aus mehreren Komponenten bestehen können. In dem sogenannten LZB-Projekt werden die Langzeitarbeitslosen intensiver als in der normalen Arbeitsvermittlung und mit speziell abgestimmten Maßnahmen und Bausteinen, z. B. in Gesundheit, Bildung und Qualifikation, auch noch nach der Vermittlung in den Arbeitsmarkt begleitend betreut. Ziel ist es, eine künftige Arbeitslosigkeit zu vermeiden und im Erwerbsleben zu bleiben. 

Karl Boland, Geschäftsführer des paritätischen Wohlfahrtsverbandes im Kreis Viersen, erklärte den anwesenden Personen den Aufbau und die Aufgaben des paritätischen Wohlfahrtsverbands, damit erst einmal jeder sich ein Bild von dieser Organisation machen konnte. Er zeigte dem Publikum, dass u.a. durch die sehr gute Aufbereitung des Sozialberichts durch den Kreis Viersen festgestellt werden kann, wo bei welcher Bevölkerungsgruppe Unterstützung benötigt wird und wie die verschiedenen angeschlossenen Organisationen mit gezielten Projekten z.B. in der Kinder- und Jugendarbeit versuchen zu helfen. Seine sehr anschaulichen Beschreibungen von Armut in Langzeit-Arbeitslosen-Familien ließen keinen kalt und verdeutlichten, wie wichtig es ist gerade die Kinder zu unterstützen. Denn sonst sind sie die Arbeitslosen von morgen.

Die Arbeit der Schuldnerberatung der AWO wurde von Bernd Bedronka, Geschäftsführer der AWO im Kreis Viersen e.V. vorgestellt. Die Zahl der beratenden Personen ist in den letzten Jahren ständig gestiegen, und die Anzahl der vielschichtigen Probleme nahm und nimmt auch immer mehr zu. Es geht seltener darum, dass eine Person einen problematischen Vertrag abgeschlossen hat, sondern immer öfter um eine Kombination aus Arbeitslosigkeit, Problemen in Partnerschaft und Familie, Sucht, Schulden, gesundheitlichen Problemen und sinkender Selbstachtung. Das heißt, Schuldnerberatung ist in erster Linie auch Lebensberatung und dauert in vielen Fällen jahrelang.

Als Gäste waren Vertreter/-innen der Lokalpolitik, der örtlichen Gewerkschaften und interessierte Bürger/-innen geladen, die mit den Teilnehmenden rege Diskussionen führten. So wurde z.B. festgestellt, dass die aktuelle Forderung des DGB zur Anhebung des Rentenniveaus für viele Erwerbstätige immer noch viel zu niedrig ist, um von der regulären Altersrente leben zu können. Es ist für ein reiches Land wie Deutschland beschämend, dass Menschen sich nach 45 Jahren Erwerbstätigkeit zum Sozialamt begeben müssen, um Alterssicherung zu beantragen. Eine Rentenregelung wie in Österreich würde dagegen als gerecht empfunden und sollte auch in Deutschland durch eine Steuerfinanzierung machbar sein. 

Zum Abschluss formulierte der DGB-Kreisverbandsvorsitzende, Thomas Högel, noch einmal die zentralen Forderungen des DGB zur Bekämpfung der Armut und Schaffung einer gerechteren Vermögensverteilung in der Gesellschaft zusammen. Högel forderte von der Politik eine Erhöhung der Besteuerung von Kapitaleinkünften, die Wiedereinführung der Vermögenssteuer und eine Erbschaftssteuerreform, die ihren Namen auch verdient. Diese so geschaffenen Steuereinnahmen würden reichen, um allen Bürgern ein gutes soziokulturelles Leben zu ermöglichen und Bildung in allen Bereichen öffentlich zu finanzieren, so dass bei den Kindern eine echte Chancengleichheit unabhängig vom Elternhaus entstehen könnte.

Die Aufgabe der Gewerkschaften ist es, auf eine allgemeine Tarifbindung hinzuarbeiten, die Beschäftigten bei der Gründung von Betriebsräten und die Arbeitnehmervertreter bei den Verhandlungen um betriebliche Altersversorgungen zu unterstützen. Jeder kann sie dabei stärken, indem er selbst durch aktive Mitarbeit den Organisationsgrad aller Beschäftigten erhöht. Weiterhin sollte jeder von seinem Wahlrecht Gebrauch machen und den rechten Parteien die rote Karte zeigen. 

Thomas Högel und die Anwesenden waren sich einig: das Thema Armutsbekämpfung ist extrem wichtig und muss dringend auch von der Politik angepackt werden, damit sozialer Unfrieden nicht noch weiter in Politikverdrossenheit mündet und rechter Polemik in die Hände spielt. Dieses wurde durch regen Beifall der Gäste unterstrichen.

 

 

Teilnehmer/-innen

V.l.n.r.: Franz-Josef Schmitz, Bernd Bedronka, Karl Boland, Katarina Esser, Klaus Neufeldt, Thomas Högel, Gunter Fischer, Thomas Ziegler, Silvia Högel, Andreas Kloss, Sascha Müllers. DGB-Viersen


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