Deutscher Gewerkschaftsbund

19.08.2015

Im Gespräch mit … Stefan Wittstock, Vorsitzender des ver.di Bezirkes Düsseldorf

von: SW

Zum zweiten Mal veröffentlicht DGB Düsseldorf unter der Rubrik „Im Gespräch mit…  .“ ein Interview mit einem Vertreter der Gewerkschaftsbewegung. Auch in diesem Gespräch werden aktuelle Themen besetzt sowie gewerkschaftliche Positionen dargestellt.
In unserer zweiten Ausgabe steht Stefan Wittstock, Vorsitzender des ver.di Bezirkes Düsseldorf Rede und Antwort:

Frage: Seit einem dreiviertel Jahr ist Stefan Wittstock gewählter Vorsitzender des ver.di- Bezirks Düsseldorf mit rund 36.000 Mitgliedern. Welche Schwerpunkte hast du dir für deine Arbeit als ehrenamtlicher Vorsitzender gesetzt?

 

Wittstock:
Ich verstehe mich hier als Teamplayer und sehe es weniger als meine Aufgabe an Schwerpunkte vorzugeben. Vielmehr geben unsere Mitglieder vor, welche Themen wir im ver.di-Bezirksvorstand behandeln und mit welchen Fragestellungen wir uns befassen.

 

Als Beispiel setzen wir uns hier in Düsseldorf seit längerer Zeit sehr intensiv mit dem Thema „Befristung“ auseinander. Die Bildung einer Projektgruppe war hier der Start und hat mittlerweile auch ein bundesweites Echo innerhalb von ver.di und dem DGB gefunden. Neben der politischen Schwer

punktarbeit war es uns aber dabei besonders wichtig, die Übertragung des Themas in die Betriebe zu ermöglichen. Hier haben wir entsprechende Materialien erstellt, bspw. einen Film zum Thema Befristung, Aktionsmaterialien oder auch konkrete Handlungshilfen für Vertrauensleute und Betriebs- und Personalräten und -innen. Das hier dann auch bei der Rheinbahn oder der Stadtverwaltung schon bedeutende Erfolge erzielt worden sind, ist ein großer Erfolg der engagierten Kolleginnen und Kollegen vor Ort und eine spürbare Verbesserung der Arbeitssituation vieler Beschäftigter in den Betrieben und Dienststellen. Ich denke, genau das macht erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit aus. Wenn ich hierzu einen kleinen Teil beitragen kann, freut mich das ungemein.

 

Politisch stand sicherlich auch die Arbeit gegen „Dügida“ dieses Jahr im Fokus unserer Betätigung: ver.di Düsseldorf war gemeinsam mit dem DGB und vielen engagierten Gewerkschafter_innen aus der DGB-Familie sofort als Unterstützerin im Rahmen des Düsseldorfer Appells an der Seite der Düsseldorfer Zivilgesellschaft. Gleiches galt für die Unterstützung des DSSQ-Bündnisses. Wir möchten weiter daran mitwirken, dass braune Brandstifter, egal ob in Anzügen oder Springerstiefeln, in Düsseldorf keinen Nährboden finden.

 

Als Drittes möchte ich noch die Frage nach sozialer Gerechtigkeit ansprechen: Düsseldorf ist eine vergleichsweise reiche Stadt, dennoch nimmt auch die Armut hier spürbar zu. Hier sehen wir es auch als unsere Aufgabe an, an Konzepten mitzuwirken, die ein menschenwürdiges Leben aller Menschen in Düsseldorf sicherstellen. Sei es in Bezug auf preisgünstiges Wohnen, sei es in Bezug auf den Zugang zu guter Arbeit oder sei es in der Sicherung der Zukunftsperspektive junger Menschen die bisher noch keine Ausbildung gefunden haben oder in prekärer Beschäftigung feststecken.

 

Die Herausforderungen sind vielfältig, wir arbeiten daran diese konkret anzugehen und hierzu gehört natürlich auch, dass wir dafür arbeiten Kolleginnen und Kollegen von der gewerkschaftlichen Idee „Solidarität statt Konkurrenz“ zu überzeugen und sie für eine Mitgliedschaft zu gewinnen.

Ein Baustein ist, auch andere Wege der Öffentlichkeitsarbeit auszuprobieren, so haben wir im Mai unsere Facebookseite (www.facebook.com/verdiduesseldorf) gestartet, die bei vielen Kolleginnen und Kollegen positive Resonanz findet und gerne geliked werden darf.

 

ver.di Düsseldorf sollte, das ist jedenfalls meine Vorstellung, die Türen zur Mitarbeit und zum Engagement noch weiter öffnen und den Kolleginnen und Kollegen ermöglichen, ver.di als „Ihre Gewerkschaft“ zu erleben und mitzugestalten.

 

 

Frage: Ver.di fordert die Aufwertung von Erziehungs-und Sozialberufen? Und hat deswegen im Frühsommer gestreikt? Nun läuft eine Mitgliederbefragung? Welche Hintergründe gibt es? Und wie ist die Situation in Düsseldorf?

Wittstock:

Das haben wir, und das werden wir im Übrigen auch weiterhin tun. Die Auseinandersetzung im Sozial- und Erziehungsdienst betrifft einen Arbeitsbereich der flächendeckend unterbezahlt ist. In diesem Bereich sind in den letzten Jahren die Aufgaben und die Verantwortung rasant gestiegen. Während die Mehrheit der Gesellschaft dieses erkennt und für die Forderungen Verständnis hat, haben die Arbeitgeber sich leider in einer vollständigen Blockadehaltung befunden und sich dem berechtigten Anliegen der Kolleginnen und Kollegen nahezu vollständig verweigert. Erst durch den unbefristeten Arbeitskampf kam Bewegung in die Sache.

Die Beteiligung, Kreativität und die Bereitschaft für die eigenen Interessen einzustehen war  im täglichen Erleben für mich ein tolles Gefühl, dass mich in meiner Arbeit bestärkt hat. Wenn ich dann aber sehe, wie auch teilwiese politische Akteure, z.B. der Ratinger Bürgermeister, versuchen Eltern gegen die Streikenden auszuspielen, macht mich das wütend.

Wir haben aber auch sehr viel Zuspruch erfahren und dafür bin ich auch dankbar. Viele Solidaritäts-adressen haben uns erreicht, und den Kolleginnen und Kollegen Kraft gegeben -gerade auch aus dem Kreise der DGB-Gewerkschaften.

Diese Solidarität wird auch weiterhin wichtig sein: Die Beschäftigten haben sich im Rahmen der Mit-gliederbefragung klar positioniert und den vorgelegten Schlichterspruch als nicht akzeptabel zurück-gewiesen. Kritischster Punkt ist  insbesondere die Frage der fast vollständig fehlenden Berücksichtigung von Sozialarbeiter und-innen
Hier werden wir nun weitermachen, ich hoffe im Sinne der Kolleginnen und Kollegen, aber auch für unsere Gesellschaft insgesamt, dass die Arbeitgeber sich aus ihrer Wagenburg befreien und verhandeln. Andernfalls werden im Herbst wieder entsprechende Arbeitskampfmaßnahmen beginnen, um den Druck zu erhöhen.

Die Arbeit an und mit Menschen erfordert aus meiner Sicht eine flächendeckende und systematische Aufwertung. Denn dies ist auch eine klare Illustration einer systemischen Benachteiligung von Dienstleistungs- und insbesondere sogenannten „Frauenberufen“ in unserer Arbeitswelt, die dann auch noch oftmals in Teilzeit gezwungen werden. Ver.di will gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen des Sozial- und Erziehungsdienstes weiter daran arbeiten, die Aufwertung voranzutreiben.

Aber diese bekommt niemand geschenkt, hier müssen sich die Kolleginnen und Kollegen organisieren und mobilisieren um Ihre Interessen durchsetzen zu können. Die aktuelle Auseinandersetzung wird weiterhin sehr schwierig sein. Es wird ein Kampf, der nicht von heute auf morgen gewonnen werden kann. Es wird ein langer und steiniger Weg – aber die Kolleginnen und Kollegen des Sozial- und Erziehungsdienstes sind entschlossen ihn zu gehen und in dieser Aufwertungsrunde einen entscheidenden Schritt voranzukommen. Als ver.di stehen wir 100%ig hinter den Kolleginnen und Kollegen.
Jetzt gilt es aber in Düsseldorf -wie bundesweit- müssen wir unsere Kampfkraft noch weiter stärken und die gemeinsame Basis noch verbreitern, um gemeinsam diesen Weg erfolgreich zu gehen. Der erste Schritt ist die individuelle Entscheidung jeder und jedes Einzelnen bezügliches eines ver.di- Beitrittes und der Beteiligung an den kommenden Aktionen und Streiks.

 

 

Frage: Düsseldorf hat seit einem Jahr einen neuen Oberbürgermeister? Was hat sich in der Stadtverwaltung geändert und was muss zukünftig noch weiterentwickelt werden? Welche Forderungen hat ver.di Düsseldorf an die Stadtspitze?

 

Wittstock:

Es hat sich vor allem die Kultur der Gespräche weiterentwickelt. Ich nehme das Rathaus nunmehr als offeneren Ort wahr, in dem das Gespräch mit den Menschen gesucht wird anstatt Verlautbarungen bekanntzugeben. Das der Oberbürgermeister dann auch als Festredner auf unserer Jubilar- Ehrung aufgetreten ist, war natürlich eine ebenso schöne Geste wie die Wiedereinführung des Arbeitnehmer-empfanges im Rathaus.

 

Vieles in der Verwaltung ist in den vergangenen Jahren liegengeblieben. Funktionierende Strukturen sind dabei kaputtgemacht und in vielen Bereichen eine Kultur der Angst gepflegt worden. Diese Kultur zu ändern, ist eine große Aufgabe. Ich glaube, Thomas Geisel ist aufrichtig bemüht. In allen Bereichen der Verwaltung ist dieser Kulturwechsel allerdings noch nicht angekommen. Hier ist noch ein gutes Stück Weg zu gehen. Innerhalb der Verwaltung war aber die flächendeckende Entfristung von Kolleginnen und Kollegen ein starkes Signal, dass sein Ansinnen hier ernstgemeint ist. Ebenso positiv war aus meiner Sicht das Verhalten im Rahmen der Dügida-Demonstrationen. Im Rathaus das Licht auszuschalten, war ein starkes Symbol für die ganze Stadt.

 

Wir haben dennoch auch politisch eine Vielzahl von Forderungen. Beispielsweise eine gerechtere Verteilung des Reichtums und die Stärkung der sozialen Teilhabemöglichkeiten für alle Menschen in dieser Stadt. Hierzu ist eine Stärkung der Stadtverwaltung essentiell notwendig, ein sparen auf Kosten der öffentlichen Hand schadet immer nur den Schwächsten unserer Gesellschaft, dies lehnen wir, ebenso wie planloses Outsourcen von Aufgaben oder städtischen Beteiligungen ab. Wir wünschen uns auch, dass der Fokus in Düsseldorf zukünftig weggeht von „Leuchtturmprojekten“ in der Innenstadt und stattdessen die Verbesserung der Lebens- und Wohnsituation der Menschen in den Stadtteilen stärker in den Fokus rückt. Hier gibt es auch und gerade in Düsseldorf viel zu tun.

 

Frage: Welche Herausforderungen auf kommunaler Ebene siehst du in Bezug auf die Energiewende?

 

Wittstock:

Die Energiewende ist eine Herausforderung für die Gesamtgesellschaft. Düsseldorf ist hier mit den Düsseldorfer Stadtwerken meiner Meinung nach schon gut aufgestellt – eines der modernsten Gaskraftwerke erzeugt zukünftig Strom für Düsseldorf. Das ist ein positives und richtiges Signal. Hier muss aus meiner Sicht aber auch die Politik dafür sorgen, dass solche relativ „sauberen“ Anlagen wirtschaftlich betrieben werden können.

Grundsätzlich stellt sich aber natürlich auch in Düsseldorf die Frage, wie der Anteil der regenerativen Energien weiter ausgebaut werden kann und wie es gelingt, Speicherkapazitäten für diese zu ermöglichen.

Gleichzeitig sind auch die Verbraucher gefordert zu erkennen, dass der Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt und man mit dieser Ressource entsprechend sparsam umgehen muss. Es ist auch sicherzustellen, dass weder Strom noch Gas zu Luxusgütern werden, die sich nicht mehr alle leisten können. Ein Schritt in die richtige Richtung ist beispielsweise die Energieberatung der Stadtwerke oder der Ausbau des E-Mobilitätsnetzes hier in Düsseldorf. Die Steigerung der Attraktivität von alternativen Mobilitätsformen in den vergangenen Jahren ist schon beeindruckend.

 

In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Akteure in den energieversorgenden Unternehmen, die politische Landschaft und die Verbraucher. Hier gilt es im Sinne der Zukunft unserer Umwelt eine tragfähige Lösung zu gestalten. Hier ist noch ein gutes Stück des Weges zu gehen.

 

Frage: Warum ist es für junge Menschen wichtig Mitglied einer Gewerkschaft zu werden?

 

Wittstock:

Die Antwort ist die gleiche wie für schon etwas „ältere Menschen“. Es ist für jeden Menschen wichtig sich in einer Gewerkschaft zu organisieren. Trotz der sogenannten Individualisierung der Gesellschaft zeigt sich doch, dass gute Arbeitsbedingungen nicht vom Himmel fallen, für diese braucht man Tarifverträge.

 

Dabei werden Tarifverträge auch nicht verschenkt sondern von den engagierten Kolleginnen und Kollegen erkämpft. Und die Erfolge geben da doch gute Argumente an die Hand. Beschäftigte mit (Flächen-)Tarifverträgen haben im Schnitt 5,6 % mehr Gehalt als ohne. Bei Frauen beträgt der Unterschied sogar fast 9 %.

Und wenn du gerade jüngere Menschen ansprichst: Für sie ist ein guter Tarifvertrag vielleicht sogar noch ein wenig wichtiger. Sei es in der Frage der Übernahme, der Vergütungen, der Vermeidung von Befristungen und dem erfolgreichen Einsatz für mehr Urlaubstage – gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen haben von den Tarifabschlüssen in den vergangenen Jahren besonders profitiert.

 

Wenn diese Entwicklung so weitergehen soll, müssen sich die Beschäftigten organisieren. In einer Arbeitswelt in der es an vielen Stellen immer rauer zugeht, ist eine Gewerkschaft (der DGB Familie), der Ort der Schutz Sicherheit und ein gutes Gefühl der Absicherung bietet. 

Und neben der Frage darf man ja auch nicht vergessen, dass Gewerkschaft Spaß macht. Mit Kolleginnen und Kollegen gemeinsam für die eigenen und gemeinsamen Interessen solidarisch einzustehen, ist eine positive Lebenserfahrung. Und der Rahmen in dem das passiert, ist ja auch nicht so staubtrocken – ich empfehle da einfach mal einen Blick zurück auf die letzte Tarifrunde des öffentlichen Dienstes. https://vimeo.com/108459415

Von dieser Aktionsfreude könnten sich vielleicht auch andere Bereiche der Gewerkschaften noch ein Stückchen abschneiden.

 

Frage: Welchen persönlichen Wunsch verbindest du mit deiner Amtszeit?

 

Wittstock:

Ich bin mit Wünschen immer etwas vorsichtig. Ich glaube, wenn man für seine Überzeugung einsteht, sich nicht verbiegt und hinter den gemeinsamen Zielen auch gemeinsam steht, hat man auch Erfolg.

Wir haben ein tolles Team an ehren- und hauptamtlichen Kollegen und Kolleginnen, die jeden Tag aufs Neue einen großartigen Job machen.

 

Es ist meine feste Überzeugung, dass der gewerkschaftliche Ansatz in unserer heutigen Gesellschaft wichtiger denn je ist. In Zeiten in denen durch Befristung, Leiharbeit, Niedriglöhne, aber auch durch den Kampf gegen Betriebsräte und Gewerkschaften einerseits ein immenser Druck auf die Kolleginnen und Kollegen ausgeübt wird, andererseits aber auch die Herausforderungen des demographischen Wandels und der Digitalisierung in unserer Lebens- und Arbeitswelt zu bewältigen sind,  sind unsere Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness weiterhin die richtigen Antworten.

 

Und wenn es uns hier lokal im Bezirk gemeinsam gelingt, möglichst viele Kolleginnen und Kollegen mit dieser Idee weiter, wieder oder auch neu zu begeistern, um gemeinsam noch mehr im Sinne der Menschen in dieser Stadt erreichen und gestalten zu können, wäre das ein großer Erfolg.

 

Aber nicht für mich, sondern für alle, die daran mitwirken und von besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserer Stadt partizipieren – ich glaube, dass ist das Entscheidende.

 

 

Das Interview führte:
Sigrid Wolf

Regionsgeschäftsführerin
DGB-Region Düsseldorf-Bergisch Land


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