Deutscher Gewerkschaftsbund

25.01.2018

Bin ich ohne Abitur noch ein Mensch?

Im Rahmen der CDA-Veranstaltung „Bin ich ohne Abitur noch ein Mensch? – Über die Wertigkeit von Schulabschlüssen“ fand ein reger Austausch verschiedenster Fakten, Standpunkte, Ideen und Ideologien statt.

Anne Daniels, die Vorsitzende der CDA Kreis Viersen, hatte als Referenten Thomas Högel (Vorsitzender DGB Kreisverband Viersen), Uwe Schummer (MdB der CDU für den Kreis Viersen), Dr. Egbert Schwarz (IHK Mittlerer Niederrhein, Bereich Aus- und Weiterbildung), Roland Schiefelbein (ehem. Rektor der Städt. Gesamtschule Nettetal, jetzt Vorstandsmitglied des Vereins baseL nettetal e.V.) und Christian Pakusch (CDU Willich, Ausschuss für Bildung und Familie) für ihre Veranstaltung gewinnen können.

In der Vorstellungsrunde wurde schon klar, dass das duale Ausbildungssystem von allen beteiligten Personen als Grundlage der Fachkräfteausbildung hochgeschätzt wird und es in dieser Ausbildungsform viele Ausbildungsberufe gibt, die kein Abitur als Schulabschluss voraussetzen. Thomas Högel gab praktische Einblicke aus seiner Tätigkeit und erklärte das starke gewerkschaftliche Interesse an gut aus- und fortgebildeten Arbeitskräften, die dann auch im Hinblick auf die momentane demographische Entwicklung in der Arbeitswelt gute Chancen auf eine unbefristete Arbeitsstelle haben. Uwe Schummer teilte mit, dass er sich sehr darüber freut, dass es endlich gelungen ist, auf europäischer Ebene eine Vergleichbarkeit der Fortbildungs- und Studienabschlüsse durchzusetzen. So entspricht der Fachwirt inzwischen dem Bachelor und der Betriebswirt dem Master.

Die Referenten gaben einen Überblick über Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Schüler mit niedrigeren Abschlüssen als dem Abitur, die oft erheblich von den Arbeitgebern, der IHK, der Arge und den Gewerkschaften unterstützt werden. Sie sprachen sich dafür aus, dass mehr junge Leute den Schritt in eine Ausbildung als eine weitere reine Schul- und Studienlaufbahn wagen sollten. So sei es kein Geheimnis, dass die duale Ausbildung sehr viel zur Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen beitrage und dass diese viel eher in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen.

Die weitere Diskussion mit den Gästen, u.a. mehrere Schulleiter und Lehrer von Gymnasien (u.a. Gunter Fischer, Vorstandsmitglied des DGB KV Viersen), Gesamtschulen (Klaus Neufeldt, Vorstandsmitglied des DGB KV Viersen), einer Hauptschule und des Berufskollegs Rhein-Maas (Elke Terbeck) , zeigte im Wesentlichen auf, dass viele Schüler den Weg zum Abitur und in ein Studium gehen, weil sie Angst vor Veränderungen und neuen Situationen haben. So sei es oft leichter, weiter mit den Freunden zur Schule zu gehen, als alleine in einem Unternehmen eine Ausbildung zu beginnen. Die Schüler, die den Weg der Ausbildung gehen, gewinnen dann in der Regel ein höheres Selbstbewusstsein und freuen sich über selbst verdientes Geld. Der Weg von der abgeschlossenen Ausbildung in eine Fortbildung ergibt sich dann für viele von selbst, um bessere Verdienstchancen oder Weisungsbefugnis zu bekommen.

Momentan ist es allerdings so, dass man von einem „Akademisierungswahn“ durch Eltern und Gesellschaft sprechen muss. In Nordrhein-Westfahlen machen 54 % der Schüler eines Jahrgangs das Abitur und streben eine Akademische Ausbildung an. Die Gymnasien sind dementsprechend überfüllt und können gar nicht mehr dem Anspruch nachkommen, bei allen Schülern die Studierfähigkeit auszubilden. Dann erwarten die jungen Leute noch ca. 19.000 angebotene Studiengänge. So ist es nicht verwunderlich, wenn 33 % der Studenten die Hochschulen ohne Abschluss verlassen, weil Ihnen die Orientierung oder schlichtweg die Eignung fehlen. Eine Erfahrung der Hochschule Niederrhein ist, dass Studenten mit einer vorherigen abgeschlossenen Berufsausbildung, in der Regel besser, schneller und mit einer wesentlich geringeren Abbrecherquote den angestrebten Studienabschluss erreichen als reine Abiturienten.

Damit unsere jungen Leute positiv in die Zukunft blicken können, muss sich einiges ändern:

- Die Arbeitgeber müssen mehr ausbilden und auch Ausbildungsverhältnisse mit auf den ersten Blick nicht so
  geeigneten Schülern eingehen.
- Es muss mehr Berufe mit niedrigen Zugangsvoraussetzungen geben
- Die Eltern und die Gesellschaft sollten mehr auf die Menschen als auf die Schulabschlüsse sehen und die persönliche 
  Entwicklung in den Fokus stellen.
- Die jungen Menschen müssen mehr über mögliche Ausbildungen erfahren und sich auch in mehreren Praktika erproben
  können.
- Wir benötigen die besten Schulen für alle Schüler. Nicht die besten Schüler für jede Schule. Das heißt auch Haupt- und
  Förderschulen, die gezielt auf leistungsschwächere Schüler eingehen können – und nicht nur eine Schule unterhalb der
  Gymnasien für alle.
- Der große Wunsch am Ende des Abends ist, eine große Vielfalt bei Ausbildungen mit niedrigeren Einstellungsvoraussetzungen
  zu schaffen und erhalten, um möglichst jedem jungen Menschen eine Perspektive in unserer Gesellschaft bieten zu können,
  getreu dem Motto: „Kein Abschluss ohne Anschluss“.

 

Viersen 1

V.l.n.r. Uwe Schummer, Thomas Högel, Dr. Egbert Schwarz Silvia Högel

Viersen 2

V.l.n.r. Dr. Egbert Schwarz, Roland Schiefelbein, Thomas Högel, Anne Daniels, Uwe Schummer Silvia Högel

Viersen 3

Mit auf dem Bild zwei Vorstandsmitglieder des DGB KV VIE: Gunter Fischer und Klaus Neufeldt Silvia Högel

Viersen 4

V.l.n.r.: Dr. Egbert Schwarz, Roland Schiefelbein, Thomas Högel, Anne Daniels, Uwe Schummer, Christian Pakusch Ole Wiggers


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